Gottlieb GUNTERN, Schweiz
Arzt, Psychiater, Systemtherapeut
System-Wissenschaftler und Kreativitäts-Forscher
Schriftsteller
Liedermacher

 

Cäsar Ritz - eine Identifikationsfigur
Gottlieb Guntern wuchs in Ritzingen/Grafschaft auf. Ritzingen ist ein kleines Bergdorf in den Walliser Alpen, vor rund 1'000 Jahren vom alemannischen Clan der Ritzen gegründet, die via Grimselpass ins Hochtal Goms immigrierten. Dieser Sippe entstammte Cäsar Ritz, dem Edward, Prince of Wales, im 19. Jahrhundert den Ehrentitel "le roi des hôteliers, l’hôtelier des rois" verlieh.

 

Ritzingen Wallis / Schweiz

 

Als Bub war Cäsar Ritz Geißhirt in Niederwald, ein Bergdörfchen 7 Autominuten westlich von Ritzingen. Gottlieb Guntern war im Sommer 1953 der letzte Ziegenhirt von Ritzingen und lernte schon früh den Mythos von Cäsar Ritz kennen, der ihn inspirierte und ihm als Rollenmodell für die Entwicklung der eigenen Identität diente. Die Bewunderung für diesen weltberühmten kreativen Landsmann hat sicherlich dazu beigetragen, dass Guntern später das Geheimnis der menschlichen Kreativität ergründen wollte und zum international anerkannten Experten auf diesem faszinierenden Fachgebiet wurde.

 

Cäsar Ritz,  1850 - 1918

 

Familie
Gottlieb Guntern stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Sein Vater, Quirin, in jungen Jahren Holzfäller in den kalifornischen Wäldern und nach seiner Rückkehr in die Heimat Stollenarbeiter beim Bau militärischer Festungstunnels im Grimselgebiet und bei Sargans, starb an der Berufskrankheit Silikose, als GG sechs Jahre alt war. Zu diesem Zeitpunkt lag GG bereits seit anderthalb Jahren mit einer Osteomyelitis im Spital in Brig, die mehrere operative Eingriffe erforderte. Der kleine Patient musste damals die Macht der Ärzte und Krankenschwestern und seine eigene Hilflosigkeit erfahren, traumatische Erlebnisse, die er nie vergessen sollte. Es ist wohl kein Zufall, dass GG später im selben Spital als Chefarzt der Psychiatrie ein auf seinen Konzepten basierendes Pilot-Zentrum für Psychiatrie und Systemtherapie leitete.

Seine Mutter, in jungen Jahren Angestellte im Hotelfach und als 38-jährige Frau bereits Witwe mit sieben Kindern, war eine hochintelligente Frau, voller Imagination, Initiative und Durchsetzungskraft. Von ihr lernte GG, dass es ohne Disziplin und Weitsicht keine großen Leistungen gibt. Mutter Lina stammte aus Außerberg, einem Bergdorf in der Nähe von Visp. Dort verbrachte GG als Junge elf Sommer und hütete bei Verwandten auf der Alpe Leiggern Vieh. Diese Verwurzelung im arbeitsamen Alltag von Bergbauern half ihm schon früh, Realitätssinn, Frustrationstoleranz und Autonomie im Denken und Handeln zu entwickeln. Diese Erfahrung machte ihn als Medizinstudent immun gegen dauernd wechselnde Zeitmoden, denen nicht wenige Berufskollegen nachliefen, die mal von einer Offizierskarriere in der Schweizer Armee schwärmten, dann zu Che-Guevara-Epigonen mutierten und fleißig Lenin, Marx und Bakunin zitierten; mal in einem Anfall von weltanschaulichem Radikalismus ihrer angestammten Religion den Rücken kehrten, um alsbald in der Kapelle der  spekulativen, dogmatischen Freudschen Psychoanalyse Unterschlupf zu finden. 

 

Spiritus Sanctus
Während acht Jahren besuchte GG in Brig das Gymnasium Spiritus Sanctus, 1662 von Kaspar Jodok von Stockalper gegründet. Als erfolgreicher Handelsherr, Bankier und Politiker hatte von Stockalper u.a. Goldminen und ein Monopol für den Salzimport über den Simplonpass besessen. Dieser "Fugger der Alpen" und "König des Simplons" hatte zu seinem eigenen Ruhm, zum Schutz seiner Handelskarawanen und als Unterschlupf für seine Nachkommenschaft ein Schloss gebaut.

 

Stockalperschloss, Brig / Wallis / Switzerland

 

Der Stockalper Palast gilt heute als bedeutendster Barockbau der Schweiz. Papst, Kaiser, Könige (unter anderem Louis XIV) und Fürsten hatten den international operierenden Großunternehmer mit Titeln und anderen öffentlichen Ehrungen überschüttet.

Den Jesuiten hatte Kaspar Jodock von Stockalper seinerzeit den Auftrag gegeben, die lernwillige männliche Jugend des Oberwallis im Rahmen der römisch-katholischen Ideologie auf rationales Denken und zielorientiertes Handeln zu trimmen. Die Bundesverfassung von 1848 hatte dann die Jesuiten aus dem Land vertrieben, weil sie sich zu sehr in die Politik einzumischen pflegten. Im Kollegium Spiritus Sanctus waren sie durch Priester ersetzt worden, die den ora-et-labora Geist der Jesuiten weiterhin, wenn auch mit unterschiedlichem Erfolg, am Leben zu halten versuchten.

Als GG von 1953-1961 im Internat des Kollegiums lebte, vertrieb er sich die Langeweile damit, buchstäblich Tag und Nacht Romane der Weltliteratur und Biographien über bedeutende Persönlichkeiten in Kunst, Wissenschaft und anderen Bereichen zu lesen. Damit erschloss er sich einen ersten Zugang zu drei Themenkreisen, denen er sich später intensiv widmen sollte: Persönlichkeits-, Kreativitäts- und Leadership-Forschung.

 

Arzt, Psychiater, Systemtherapeut
GG studierte Medizin in Basel, Lausanne und Paris; wirkte anderthalb Jahre als Dorfarzt in einem Kurort der Walliser Alpen; spezialisierte sich in Psychiatrie, prägte den Begriff "Systemtherapie" und entwickelte deren Grundideen und Konzepte. Er arbeitete während 20 Jahren in den USA und in der Schweiz, die letzten 10 Jahre als Chefarzt eines von ihm konzipierten Psychiatriezentrums. Er schrieb in diesem Zeitraum ein Buch über Massentourismus, sozialen Wandel und Stress, das 1979 bei Springer, Berlin-Heidelberg-New York, publiziert wurde. Ein Buch über seine system-wissenschaftlichen Therapiekonzepte wurde in einem italienischen Verlag veröffentlicht. In zahlreichen  Fachartikeln und Vorträgen beschrieb und erklärte er seine Grundthese, dass es weder psychische noch somatische, sondern nur organismische Krankheiten gibt, und dass sämtliche Konzepte, Strategien und Praktiken unseres Gesundheitswesens deshalb radikal überdacht und innoviert werden müssten - vom Bau und der Organisation von Kliniken und Polikliniken bis hin zur Entwicklung von präventiven und therapeutischen Methoden und Techniken. 

 

Wegweisende Erfahrungen und Einsichten
Im Verlauf seiner 20-jährigen ärztlich-psychiatrischen Tätigkeit machte GG zwei Erfahrungen, die ihn zusehends faszinierten. Beide hatten mit dem Rätsel der menschlichen Kreativität zu tun.

• Kurz vor ihrem Tod (z.B. durch Krebs, Herzinfarkt, Unfall) verlieren
  die meisten erwachsenen Menschen ihre Maske und machen sich
  und anderen nichts mehr vor. In dieser Situation bedauern sie
  in der Regel zwei Dinge:

      • Sie haben in ihrem Leben viel zu viel Zeit damit verbracht,
        anderen Menschen zu imponieren,
        sogar jenen, die sie nicht mochten; sie haben jedoch jene
        Menschen vernachlässigt, die ihnen wirklich am Herzen lagen.

      • In ihrer Kindheit und Jugend hat man ihnen immer wieder
        gesagt, "Du hast da ein ganz bestimmtes Talent", doch sie
        haben wenig oder nichts getan, um dieses Talent zu entwickeln.

• In Paar- und Familientherapien verbeißen sich Partner oft in ihre
  Ehekonflikte und machen einander dauernd nieder, was ihre
  Hilflosigkeit und Verbitterung und damit ihren Frust erhöht,
  der sich logischerweise in erneuten gegenseitigen Disqualifikationen
  äußert. Sie kommen nicht auf die nahe liegende Idee, ihr Konflikt-
  management, das erfahrungsgemäß erfolglos ist, durch innovative
  und erfolgreichere Konfliktlösungen zu ersetzen. 

Daraus entstand bei GG die Einsicht, dass die menschliche Kreativität offenbar eine wertvolle Ressource ist, die wir im Erziehungswesen (Elternhaus, Schulen und Universitäten) sowie später im Berufsleben systematisch mobilisieren und einsetzen sollten. Ein Blick auf die Mitte der 80er Jahre vorhandene Kreativitätsforschung ergab, dass diese seit Mitte der 70er Jahre erlahmt war. Publikationen stammten fast ausnahmsweise aus den USA und befassten sich beinahe ausschließlich mit personality trait theories - der Idee, dass kreative Menschen spezifische Charakterzüge/Persönlichkeitsmerkmale aufweisen. GGs Erfahrung hatte ihn jedoch  gelehrt, dass es kreative Menschen gibt, die bestimmte Charakterzüge nicht aufweisen, die angeblich so wichtig sind. Andererseits gibt es Menschen, die all diese Persönlichkeitsmerkmale besitzen, aber keine kreativen Leistungen erbringen. Mit anderen Worten: in der Kreativitätsforschung fehlte ein system-wissenschaftlicher Ansatz, der den beobachtbaren Realitäten besser gerecht wird als die erwähnten personality traits theories.

 

Im Gästehaus eines Zen Gartens in Kamakura

 

Kreativitäts- und Leadership Forschung
Um diesen Sachverhalt zu verändern, verließ GG im Alter von 50 die Psychiatrie und begann sich intensiv mit der Kreativitäts- und Leadership-Forschung zu befassen.

Weshalb Kreativität und Leadership zusammen untersuchen? Weil kreative Leistungen beinahe ausnahmslos in Teams erfolgen, auch wenn dies nicht unbedingt auf den ersten Blick ersichtlich ist. Jedermann weiß, dass Edison der Erfinder der elektrischen Glühbirne und zudem ein kreatives Genie auf dem Gebiet technologischer Innovationen ist. Was weniger bekannt ist: In Menlo Park, New Jersey, beschäftigte Edison seinerzeit ein Team von gut 100 Mitarbeitern, darunter Mathematiker, Physiker, Techniker und Mechaniker, die ihn auch bei der Erfindung der elektrischen Glühbirne kräftig unterstützten.

 

Publikationen
Seit 1990 veröffentlichte GG insgesamt 20 Sachbücher zu den Themen Kreativität & Leadership, in denen er Theorie und Praxis vernetzte (9 als Autor, 11 als Herausgeber und Mit-Autor). IM ZEICHEN DES SCHMETTERLINGS war 1992 in der Schweiz Sachbuch-Bestseller des Jahres; die englische Fassung IN THE SIGN OF THE BUTTERFLY wurde 2013 von UPA (University Press of America) publiziert. Mehrere seiner Sachbücher wurden in die chinesische, französische, italienische, englische und holländische Sprache übersetzt. Sein wichtigstes Werk zur Kreativitätsforschung: THE SPIRIT OF CREATIVITY — Basic Mechanisms of Creative Achievements, wurde 2010 von UPA publiziert.

 

CREANDO Stiftung und Symposien
Zusammen mit seiner Frau, der visuellen Künstlerin Greta GUNTERN-GALLATI, gründete GG 1979 CREANDO-Internationale Stiftung für Kreativität & Leadership. Im Kontext dieser Stiftung organisierte das Ehepaar regelmäßig trans-disziplinäre Internationale CREANDO Symposien für Kreativität & Leadership, an denen renommierte Kreative - unter anderen Nobelpreisträger der Literatur, Medizin, Physik, Molekularbiologie und Wirtschaft - referierten und mit einem qualifizierten und motivierten Publikum, inklusive jungen Promising Leaders aus aller Welt, diskutierten. Daraus entstanden über die Jahre nicht wenige ungewöhnliche Projekte.

Es gibt nichts Praktischeres im Leben als eine gute Theorie

Dies ist eine von GGs wichtigsten Einsichten für das Leben. Beispiel: Ein Kind, das eine verkehrsreiche Straße sicher überqueren soll, muss eine solide, mehr oder weniger bewusste, Theorie über die dabei lauernden Gefahren besitzen, um nicht früher oder später zu verunglücken.

Umgekehrt gilt: Wer eine gute Theorie zu besitzen glaubt, muss diese dauernd an der Praxis messen und in die Praxis umsetzen, um ihre Gültigkeit und operative Reichweite zu testen.

 

Schriftsteller
Auf der Grundlage dieser Einsicht und seiner Theorie über die Kreativität hat GG - natürliche Neigung, Potentiale und diszipliniertes Arbeiten und Lernen  kombinierend - bisher zwei Romane veröffentlicht, ein dritter ist im Lektorat und ein vierter in Überarbeitung.

 

Liedermacher

Erstes öffentliches Konzert, Dez. 2010
ZeughausKultur, Brig / Schweiz

 

Als Liedermacher (cantautore) hat er zahlreiche Songs komponiert, dazu die Texte geschrieben und gesungen. Bisher sind zwei CDs mit englischen Songtexten sowie eine CD mit Walliser Balladen im althochdeutschen mittelhochdeutschen Dialekt seiner Heimat erschienen. Eine vierte CD (Walliser Balladen II) befindet sich zurzeit in Produktion.

 

Die Kunst der Metamorphose
Ein erfülltes Leben ist nur möglich, wenn man die Kunst der Metamorphose beherrscht. In seinem Bestseller IM ZEICHEN DES SCHMETTERLINGS beschrieb GG die Kunst der Metamorphose als die Fähigkeit eines Organismus, dauernd seine Strukturen zu ändern, um vitale Funktionen zu optimieren, ohne bei diesem dauernden Wandel seine Identität zu verlieren.

Beispiel: der Zitronenfalter beginnt als Ei, wird zur Raupe, verpuppt sich und fliegt schließlich als gelber Schmetterling auf und davon, legt Eier und beschließt damit seinen individuellen Lebenszyklus. In jedem dieser vier Entwicklungsstadien behält der Zitronenfalter seine unverkennbare Identität, die sich deutlich von der Identität anderer Schmetterlinge unterscheidet.

 

Das deterministische Chaos
regiert alles, was im Universum passiert. Dies heißt: Das Zusammenspiel von Chaos und Ordnung, Zufall und Gesetz, Freiheit und Strukturzwang, Spontaneität und Berechnung bestimmt, was Menschen sind und was sie werden.

Wie die nächste Phase von GGs Metamorphose aussieht, wird die Zukunft zeigen.