Greta GUNTERN-GALLATI

Visual artist
Schweiz

 

Kindheit - Pubertät
Als drittes von vier Kindern in Näfels/Glarus-Nord geboren und aufgewachsen, 60 km südöstlich von Zürich; Primar- und Sekundarschule in diesem 4000-Seelen Dorf.

 

Näfels / Glarus-Nord, Schweiz
Als fünfzehn bis achtzehn Jährige verbrachte sie im Mädchenpensionat Ste  Agnès in Fribourg in der Suisse Romande, das von katholischen Nonnen geführt wurde. Diese drei Jahre, die sie als maskierten ekklesiastischen Terror erlebte, wurden zu einem Albtraum. Niemand hatte sie dazu gezwungen. Sie hatte vielmehr unüberlegt beschlossen, dieses Narrenschiff zu besteigen - gegen den Willen ihres Vaters, der dieses Abenteuer auch noch bezahlen musste. Mit den Folgen ihrer überstürzten Entscheidung wollte sie selber fertig werden, indem sie die drei Jahre stoisch durchhielt.
„Im Anschluss an diese drei Jahre war ich wie belämmert und ohne jegliche Perspektive für die Zukunft. Das einzige brauchbare Resultat war das Diplom der Handelsschule in französischer Sprache (Etudes commerciales).“

Zurück in ihrem Heimatkanton Glarus arbeitete sie als Sekretärin und langweilte sich täglich.

„Mein Leben floss ziellos dahin.“

 

Paris - London
Mit 20 und volljährig reiste sie nach Paris - gegen den Widerstand beider Eltern. An der Sorbonne belegte sie den Kurs Culture française und verdiente ihr Leben als au-pair girl. Anschließend reiste sie für drei Jahre nach London. Hier verdiente sie ihr Leben  zuerst  als Gouvernante bei einer betagten und sehr eigensinnigen Dame im Rollstuhl, eine ehemalige Operngesang-Lehrerin. Diese Arbeit war nicht ganz einfach, jedoch außerordentlich gut bezahlt, sodass GGG die Sprachstudien sofort aufnehmen und bezahlen konnte. Nach dem Tod der alten Dame arbeitete sie als waitress in einem kleinen, neu eröffneten und exklusiven Jugendstil Restaurant. Im dritten Jahr war sie au-pair girl bei Mrs Osborne, einer 80-jähigen Dame, Schwiegermutter von Randolph Churchill, Winston Churchills Sohn.

„Das dritte Jahr bei Mrs Osborne bleibt mir besonders angenehm in Erinnerung. Diese charmante, geistreiche und grosszügige alte Dame war mir überaus freundlich zugetan. Als leidenschaftliche Leserin von Romanen und Literatur hatte sie einen weit offenen Geist und wusste, Anekdoten zum Besten zu geben. So schilderte sie lebhaft ihre Jugendzeit in Irland, die mich an Jane Austen’s Roman EMMA erinnerte, Ihre erste glückliche Ehe, die nach sieben Jahren mit dem Tod ihres Gatten endete, ihre zweite unglückliche Ehe, die sie bedauerte eingegangen zu sein und die dramatischen Ereignisse während des 2. Weltkrieges in London.  Es war, als ob ich in einem Film wäre.

Während ich morgens in der Küche das Teegeschirr spülte, erschien Mrs. Osborne, bereit für ihren täglichen Einkauf, stilvoll gekleidet mit passendem breitkrempigem Hut, der ihre edlen Gesichtszüge unterstrich. Eine elegante Erscheinung, die Toulouse Lautrec inspiriert hätte. Sie fragte, was sie einkaufen solle, setzte sich auf den Barstuhl, vergaß Raum und Zeit, tauchte ein in ihre Vergangenheit, erzählte wie eine Schriftstellerin und ließ tragische, tragisch-komische und urkomische Erinnerungen  aufleben. So schilderte sie Szenen, die sie in den von gegenseitiger  Sympathie geprägten Begegnungen mit Winston Churchill erlebt hatte. Besonders genussvoll beschrieb sie die gemeinsamen Besuche in der Westminster Cathedral, wo Churchill neben ihr - im Hymnenchor der Kongregation innbrünstig mitsingend—anstelle der frommen Texte Witze erzählte und sie sich vor Lachen kaum halten konnte. Ohne Mrs Osborne wäre mein Aufenthalt in London weniger spannend und weniger lehrreich gewesen.“

Nach drei Jahren kehrte GGG zurück in die Schweiz - den Schock der katholischen Hypokrisie in Fribourg weitgehend verdrängt und im Gepäck verschiedene Zertifikate der University of Cambridge, die sie mit dem Diploma of English Studies abschloss.


Zürich – Sekretärin im Burghölzli
In der Folge arbeitete sie als Sekretärin in der psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli in Zürich. Zu ihren Arbeiten gehörten Krankengeschichten, Jahresstatistik, Rapporte über Patienten und die Vorlesungen von Prof. Dr. Manfred Bleuler, den weltweit  berühmten Psychiater und Direktor der Klinik, denen sie beiwohnte und, als spezielle Aufgabe, ein Englischkurs für chronische Patienten, den Prof. Bleuler ihr vorschlug und speziell bezahlte. Dies war eine recht ungewöhnliche und gelegentlich höchst lustige Angelegenheit für alle Beteiligten. Das Lied MY BONNIE FLEW OVER THE OCEAN, MY BONNIE FLEW OVER THE SEA, das das damalige Fräulein Gallati auf dem Klavier begleitete, wurde von den Patienten mit Enthusiasmus und mehr oder weniger off key gesungen.

Im Burghölzli bekam sie Einblicke in Theorie und Praxis der traditionellen Psychiatrie und lernte ihren zukünftigen Ehemann kennen, der dort als Praktikant arbeitete und mit dem sie 1971 heiratete.


Zürich - Ergotherapie
Im Burghölzli hatte sie Kontakte zu den Ergotherapeutinnen, deren Aktivitäten ihr sehr gefielen. Und so kündigte sie Ihre nicht uninteressante Stelle nach zwei Jahren und begann ein dreijähriges Studium an der Schule für Ergotherapie (art therapist) in Zürich.

 

Lausanne – Start in die Kunst
„1974, nach drei Jahren Ehe und zwei Jahren Arbeit als Ergotherapeutin in einer psychiatrischen Tagesklinik in Lausanne, überzeugte mich mein Gatte, mittlerweile Chef de Clinique (Oberarzt) an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Lausanne, die Ergotherapie zu verlassen und die Laufbahn als visuelle Künstlerin zu beginnen. Gottlieb und meine Schwiegermutter hegten keinen Zweifel an meinen kreativen Potentialen.“

„Ihre Freude an meinen ersten Bildern und Künstlerfreunde halfen mir auf dem neuen Weg. Das Studium an der Kunstschule in Lausanne gab ich nach zwei Wochen auf, weil mich die pubertären Mitschüler nervten, die den Unterricht und die Lehrer für ihr ’anti-autoritäres’ Geplapper missbrauchten. Sie hielten sich für Schüler zweier Meister: Timothy Leary, damaliger Guru der Hippie Bewegung und Prophet einer naiven und destruktiven ’mind-expanding’ Drogen-Ideologie, und Alexander Neals Buch „SUMMERHILL: A Radical Approach to Child Rearing“. Beide Gurus waren gerade der letzte Schrei.

So begann ich als free-lance artist, eine Entwicklung, die immer weitergeht. Mein Gatte und meine Schwiegermutter sowie Freunde aus der Kunstszene  halfen entscheidend mit, die vielen Klippen zu meistern. Ohne dieses unterstützende Beziehungsnetz hätte ich wohl weder die Ausdauer noch den Mut aufgebracht, immer weiter zu stapfen, unabhängig von äußerem Erfolg oder Misserfolg

 

Greta und Gottlieb 1977 in Santa Fee, New Mexico

 

USA - Forschungsaufenthalt
„1976 konnten wir mit einem Forschungsstipendium des Schweizerischen Nationalfonds für zwei Jahre in die USA reisen: eine tolle und intensive Zeit in Philadelphia/Pa, New York, Mill Valley / Kalifornien, und Taos / New Mexico. Sie erinnert mich an Hemingways A MOVABLE FEAST. Der damals in den USA vorherrschende Zeitgeist war geprägt von einem Optimismus, der alles als möglich erscheinen ließ. Der  offener Geist und der Aufbruch zu immer neuen Ufern inspirierten sowohl meine Entwicklung als visual artist  wie auch die wissenschaftliche Forschung meines Gatten. Das berühmte Woodstock Festival, Rock Musik und Flower Power hatten die mentale Öde und Gleichschaltung der Eisenhower Ära überwunden, die Antennen der Wahrnehmung ausgefahren und das Tor zur Freiheit aufgesto ßen. Vor unseren Augen lag eine weite Welt, die erkundet werden wollte.“

 

Godfather’s Stuggle with Entropy, 1977

 

Zurück nach Helvetien
Wir wären in den USA geblieben, hätte nicht Gottlieb kurz vor der Abreise nach Amerika mit einer modernen und im Bau befindlichen Klinik in der Schweiz einen Vertrag unterschrieben, den er einhalten wollte. Und so kehrten wir denn zurück in die Schweiz. Auf dem Rückflug von San Francisco nach Zürich war mir, als würden wir in ein großes schwarzes Loch hineintauchen. Freiheit adieu. Tausend offene Türen und spannende Projekte adieu. In meinem Geist drehte ein Grammofon immer in derselben Rille und rezitierte unaufhörlich: 

Wenn einer, der mit Mühe kaum
Gekrochen ist auf einen Baum
Schon meint, dass er ein Vogel wär
Dann irrt sich der.

Wilhelm Busch: DER FLIEGENDE FROSCH:

Im Unterschied zum Frosch haben wir unseren Flugversuch überlebt. Seit Beginn unserer Ehe sind wir ein Team, das sich gegenseitig zu individuellen und gemeinsamen Projekten in Kunst und Wissenschaft inspiriert und motiviert.“

 

Arbeitsferien in Kalifornien
In den folgenden Jahren verbrachten die beiden ihre Ferien regelmäßig in Kalifornien, um zu arbeiten und sich in den herrlichen Landschaften von den Strukturzwängen der helvetischen Welt zu  erholen: im Nationalpark Muir Woods mit seinen gigantischen Sequoia-Bäumen, deren Gipfel himmelwärts streben wie die Spitzentürme gotischer Kathedralen; im Yosemite National Park mit seinen pittoresken Wasserfällen, dem Half-Dome und el Capitán, dem Kletterparadies und höchsten Granitkliff der Welt. Unvergesslich die Wanderungen auf dem Mount Tamalpais und die atemberaubende Sicht auf die Bucht von San Francisco und den Pazifik, seine unendlichen blauen Weiten und die geheimnisvollen Nebel, die vom Pazifik heranrollen, sich über die Golden Gate Bridge schieben und die Landschaft in weiße Watte hüllen. Verträumt das idyllische Städtchen Carmel, märchenhaft schön die mit Alfalfa-Gras und Eichen bewachsenen Pastures of Heaven im Steinbeck County.

 

In einem Märchen gibt es nicht nur Idyllen. Es gibt auch dunkle, machtversessene Gestalten, die weder an Schönheit noch poetischem Zauber interessiert sind. Und so besetzten denn eines Tages George W. Bush und seine Camarilla das Weiße Haus, und der offene Geist von Woodstock suchte sogleich das Weite.


Brig
„Seither leben wir in Brig, ein Städtchen am Fuße des Simplon Passes, der nach Italien führt. Von unserer Wohnung aus blicken wir auf die Viertausender der südlichen schweizer Alpen mit ihren steilen Felsen und Schneekappen, ihren sanften Abhängen und saftigen Weiden."

 

Eringer Kampfkönigin, Meidenalp Turtmanntal Valais / Switzerland

 

Im Kanton Wallis werden die  sogenannten reines de combat leidenschaftlich  gezüchtet - die Kampfköniginnen der schwarzen Eringerrasse, die wie Basaltskulpturen in den grünen Wiesen stehen oder ihre Hierarchien in wilden Kämpfen festlegen.

 

Königin der Alpen
Und hoch oben an der Waldgrenze, welche die Ökologen als Kampfzone (death zone) bezeichnen, kämpfen alte Arven unter oft widrigsten Bedingungen um ihr Leben. Diese Riesen-Bonsais, die über 1’000 Jahre alt werden können, nennt man zu Recht Königinnen der Alpen.

 

SITTING BULL, Zermatt, Wallis / Schweiz

 

Die Landschaft ist ein Vers im Psalter
Das kristallklare Wasser der Bergbäche murmelt verträumt vor sich hin oder schäumt und tost durch enge Schluchten. Im Winter lullt die Daunendecke des Pulverschnees die Landschaft in einen sanften Schlummer ein. Gletscher und das magische  Matterhorn inspirieren und laden mit Energie auf. Zeugen einer zeitlosen Evolution. Es ist eine Welt, in welcher der Webstuhl der geophysikalischen und biologischen Evolution seit Urzeiten an einem Teppich von überwältigender Schönheit und Ausdruckskraft webt.

„Diese Landschaft entzückt mein biologisches Auge, das in privilegierten Momenten mit dem elektronischen Auge der Kamera perfekt zusammenarbeitet. „La chance ne favorise que l’esprit préparé“, sagte Louis Pasteur - Der Zufall begünstigt nur den vorbereiteten Geist. Ich hoffe, dass mein Geist vorbereitet ist, um Bilder zu schaffen, die dieses magische Land besingen. „Ein Land, das nicht besungen wird, stirbt.“

 

Zum Familienclan der GALLATI

Rückseite eines keltischen Bronze Spiegels
50 v.Ch. - 50 n.Ch.

 

Gálaktoi – die Milchgesichter
Das Geschlecht der Gallati ist keltischen Ursprungs; hoi gálaktoi, die Milchgesichter, haben die dunkelhäutigen Griechen die Kelten genannt, als diese im vierten Jahrhundert v.Chr. auf ihrer Völkerwanderung im Südwesten des Balkans auftauchten. Die Kelten waren ein kriegerisches Volk, das aber auch eine großartige Kunst und Kultur hervorgebracht hat. Und da sie in ihren Migrationen weit herumkamen, trifft man noch heute von Irland bis Italien, Rumänien und der Türkei viele Städte und Dörfer an, die Galati oder ähnlich heißen. Selbst ein weltweit bekannter Fußballclub von Istanbul heißt Galatasaray.

Aufgrund der sprachlichen Herkunft spricht man Gallati mit der Betonung auf dem ersten a aus und nicht auf dem zweiten, wie dies im Italienischen der Fall wäre.

Die Familie Gallati taucht bereits in der Chronik der Schlacht bei Näfels im Jahre 1388 auf, in der todesmutige Bauern aus der Innerschweiz, bewaffnet mit Holzprügeln, Eisenstangen und Sensen sowie mit Hilfe von Felsbrocken, die sie von Bergabhängen auf ihre Gegner rollten, die hochgerüsteten Habsburger Ritter besiegten. So die Ueberlieferung.

Mein Vater , Ludwig Gallati, war somit ein Nachfahre der Kelten, während meine Mutter, Theresia Unterweger, eine Nachfahrin der Habsburger war, zwei Völker, die sich an der Schlacht bei Näfels 1388 bekämpften.

 

Ein frischer Wind
Meine Mutter, geboren und aufgewachsen im Gurktal/Kärnten, nahe der Grenze zwischen Österreich und Slowenien, stammte aus einer Gegend, deren Bevölkerung im Verlaufe der Zeit viele unterschiedliche ethnische und kulturelle Einflüsse integrierte. Und damit brachte sie einen wilkommenen frischen Wind in einen alten Familienclan.